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Was sind der Polymerisationsgrad (DP) und der Hydrolysegrad (DH) von PVOH?

Die Eigenschaften von Polyvinylalkohol (PVOH, PVA, Poval) werden maßgeblich durch zwei zentrale Parameter bestimmt, die während des Herstellungsprozesses festgelegt werden: den Polymerisationsgrad (Degree of Polymerization, DP) und den Hydrolysegrad (Degree of Hydrolysis, DH). Der DP beeinflusst insbesondere Eigenschaften wie die Viskosität wässriger Lösungen und die Filmfestigkeit, während der DH einen wesentlichen Einfluss auf die Wasserlöslichkeit, die Wasserbeständigkeit sowie die Gasbarriereeigenschaften hat. Ein Verständnis dieser beiden Parameter ermöglicht eine gezielte Auswahl des passenden PVOH-Typs für die jeweilige Anwendung.

Dieser Artikel gibt zunächst einen Überblick über den Herstellungsprozess von PVOH und erläutert anschließend in verständlicher Form die Definitionen, Berechnungsmethoden sowie den Einfluss von DP und DH auf die Materialeigenschaften. Ziel ist es, Anwender dabei zu unterstützen, zu erkennen, auf welche Parameter sie sich bei der Einführung oder Auswahl von PVOH konzentrieren sollten.

clear water in beaker and flask glass in chemistry blue science laboratory background

1. Polymerisation und Hydrolyse von PVOH: Erläutert anhand des Herstellungsprozesses

PVOH wird in einem zweistufigen chemischen Prozess hergestellt, ausgehend von Vinylacetat‑Monomer (VAM). Dieses wird aus Ethylen, Essigsäure und Sauerstoff synthetisiert.

  • PolymerisationBildung von Polyvinylacetat (PVAc)
  • Hydrolyse (Verseifung)Umwandlung von PVAc zu Polyvinylalkohol (PVOH)


Vinylacetat‑Monomer (VAM) → Polymerisation → Polyvinylacetat (PVAc) → Hydrolyse (Verseifung) → Polyvinylalkohol (PVOH)

Manufacturing process of PVOH

1-1. Was ist Polymerisation? — Definition des Polymerisationsgrades

Unter Polymerisation versteht man die Reaktion, bei der zahlreiche Vinylacetat‑Monomermoleküle miteinander verknüpft werden und Polyvinylacetat (PVAc) entsteht. Industriell wird PVAc in der Regel durch radikalische Polymerisation hergestellt, wobei Methanol meist als Hauptlösungsmittel verwendet wird.

Der Polymerisationsgrad (Degree of Polymerization, DP) gibt die Anzahl der Vinylacetat‑Einheiten an, die in der Polymerkettenstruktur miteinander verbunden sind. Dieser Parameter hat einen wesentlichen Einfluss auf die Eigenschaften des daraus hergestellten PVOH, insbesondere auf die Viskosität wässriger Lösungen und die Filmfestigkeit. Grundsätzlich gilt: Ein höherer DP führt zu höherer Viskosität und zu mechanisch stärkeren Filmen.

Bereits im Polymerisationsschritt besteht außerdem die Möglichkeit, VAM mit anderen Monomeren zu copolymerisieren. Durch solche Modifikationstechniken können PVOH‑Typen hergestellt werden, deren Eigenschaften sich von denen des konventionellen PVOH unterscheiden.

1-2. Was ist Hydrolyse (Verseifung)? — Definition des Hydrolysegrades

Die Hydrolyse (Verseifung) ist eine Reaktion, bei der die Acetylgruppen (CH₃CO–) des Polyvinylacetats (PVAc) abgespalten und in Hydroxylgruppen (–OH) umgewandelt werden. Durch diese Reaktion entsteht Polyvinylalkohol (PVOH). Industriell wird die Hydrolyse üblicherweise als alkalische Hydrolyse durchgeführt, wobei häufig Methanol als Lösungsmittel eingesetzt wird.

Durch die gezielte Steuerung des Anteils der Acetylgruppen, die während dieser Reaktion in Hydroxylgruppen umgewandelt werden, lassen sich PVOH‑Typen mit unterschiedlichen Hydrolysegraden (Degree of Hydrolysis, DH) herstellen. Der DH hat einen maßgeblichen Einfluss auf zentrale Materialeigenschaften wie Wasserlöslichkeit, Wasserbeständigkeit und Gasbarriereeigenschaften (weitere Details werden im folgenden Abschnitt erläutert).

Zusammenfassung

PVOH wird in einem zweistufigen Prozess hergestellt, der aus Polymerisation und anschließender Hydrolyse besteht. Der in diesen beiden Schritten festgelegte Polymerisationsgrad (DP) und Hydrolysegrad (DH) bilden gemeinsam die Grundlage für die PVOH‑Typenauslegung und ermöglichen eine gezielte Optimierung der Materialeigenschaften für unterschiedliche Anwendungen.

Polymerisation und Hydrolyse

2. Polymerisationsgrad von PVOH — Ein zentraler Parameter für Viskosität, Festigkeit und Verarbeitbarkeit

 

Der Polymerisationsgrad (Degree of Polymerization, DP) beschreibt die Länge der Molekülkette, also wie viele Vinylacetat‑Einheiten innerhalb eines PVOH‑Moleküls miteinander verknüpft sind. Er kann anhand der Anzahl der Wiederholungseinheiten „m“ (Hydroxyl‑Einheiten) und „n“ (verbleibende Acetyl‑Einheiten) berechnet werden, wie in der rechts dargestellten Abbildung gezeigt.

Der Polymerisationsgrad (DP) wird während des Polymerisationsschritts definiert/gesteuert und hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Leistungseigenschaften des Endprodukts.

Molecular structure of polyvinyl alcohol

Polymerisationsgrad (Degree of polymerization; DP)
   n + m ... Gibt die Länge der Molekülkette an

Einfluss des Polymerisationsgrades auf die Eigenschaften

Unterschiede im DP wirken sich deutlich auf die folgenden Eigenschaften aus. Diese Informationen sollten bei der Auswahl des geeigneten PVOH‑Typs für eine bestimmte Anwendung berücksichtigt werden.

  • Viskosität wässriger Lösungen: Mit zunehmendem DP nimmt die molekulare Verflechtung zu, was zu einer höheren Viskosität der Lösung führt. PVOH‑Typen mit niedrigem DP weisen eine geringe Viskosität auf, sind leichter zu handhaben, können in höheren Konzentrationen gelöst werden und bieten eine größere Flexibilität bei Formulierungen und Beschichtungsprozessen.
  • Film‑ und mechanische Festigkeit: Die Zugfestigkeit und Weiterreißfestigkeit von PVOH‑Filmen nehmen im Allgemeinen mit steigendem DP zu.
  • Stabilität der Filmbildung: Hoch‑DP‑Typen bilden leicht mechanisch stabile Filme, erfordern jedoch häufig eine sorgfältige Steuerung des Löseprozesses und der Viskosität. Niedrig‑DP‑Typen lösen sich leicht und ermöglichen eine gleichmäßige Filmbildung, wodurch sie sich besonders für niedrigviskose Formulierungen und Dünnschichtanwendungen eignen.

Bewertungskriterien:

Viskosität wässriger Lösungen, Beschichtbarkeit, Film‑ und mechanische Festigkeit

Zusammenfassung

Der DP spiegelt die Länge der Molekülkette wider und ist ein entscheidender Parameter für Lösungsviskosität, Filmfestigkeit und Verarbeitbarkeit. Hoch‑DP‑Typen eignen sich für Anwendungen mit hohen Anforderungen an die Festigkeit, während Niedrig‑DP‑Typen eine besonders gute Handhabung und Beschichtbarkeit bieten.

3. Hydrolysegrad von PVOH — Ein Parameter zur Bestimmung von Wasserbeständigkeit, Gasbarriereeigenschaften und Emulgierfähigkeit

Der Hydrolysegrad (Degree of Hydrolysis, DH) beschreibt den prozentualen Anteil der Hydroxylgruppen bezogen auf die Gesamtzahl der Hydroxyl‑ und verbleibenden Acetylgruppen im PVOH und wird in mol % angegeben. Er wird anhand der Anzahl der Wiederholungseinheiten „m“ (Hydroxyl‑Einheiten) und „n“ (verbleibende Acetyl‑Einheiten) wie folgt berechnet:

Hydrolysegrad (mol %) = 100 × m / (n + m)

Verbleibende Acetylgruppen sind jene Acetylgruppen, die während der Hydrolyse nicht umgesetzt wurden. Es gilt folgende Beziehung:

Anteil verbleibender Acetylgruppen (mol %) = 100 − Hydrolysegrad (mol %)

Daraus ergibt sich:

  • Hoher DH → mehr Hydroxylgruppen, weniger verbleibende Acetylgruppen
  • Niedriger DH → weniger Hydroxylgruppen, mehr verbleibende Acetylgruppen

PVOH‑Typen werden üblicherweise anhand ihres DH in vollständig hydrolysierte, teilweise hydrolysierte (intermediäre) und partiell hydrolysierte Typen eingeteilt.

Bei der Herstellung von PVOH kann der Grad, zu dem Acetatgruppen während der Hydrolysereaktion durch Hydroxylgruppen ersetzt werden, innerhalb bestimmter Grenzen gesteuert werden. Dadurch entsteht eine breite Palette von PVOH‑Typen mit unterschiedlichen Hydrolysegraden.

Einfluss des Hydrolysegrades auf die Eigenschaften

Unterschiede im DH beeinflussen die folgenden Eigenschaften erheblich. Diese Informationen sollten bei der Auswahl des geeigneten PVOH‑Typs berücksichtigt werden.

  • Wasserlöslichkeit: Ein niedriger DH führt zu einer leichteren Löslichkeit in Wasser und ermöglicht das Lösen bei niedrigeren Temperaturen. Vollständig hydrolysierte Typen erfordern in der Regel eine Erwärmung auf etwa 95 °C, um sich vollständig zu lösen. (Ist der DH jedoch zu niedrig, kann der verstärkte Einfluss verbleibender hydrophober Acetatgruppen die Wasserlöslichkeit wieder verringern.)
  • Gasbarriereeigenschaften: Ein höherer DH führt zu einer verbesserten Gasbarriereleistung. Vollständig hydrolysierte Typen eignen sich daher besonders für Anwendungen bei denen hohe Gasbarriereeigenschaften erforderlich sind, beispielweise im Bereich der Lebensmittelverpackungen.
  • Wasserbeständigkeit: Mit steigendem DH verbessert sich die Wasserbeständigkeit getrockneter Filme. Vollständig hydrolysierte Typen sind daher vorteilhaft für Anwendungen mit Feuchtigkeitsbelastung.
  • Filmbildung: Die Kombination aus DH und DP bestimmt die Festigkeit, Flexibilität und Transparenz der gebildeten Filme.
  • Oberflächenaktivität und Emulgierstabilität: Partiell hydrolysierte Typen enthalten sowohl hydrophobe Acetylgruppen als auch hydrophile Hydroxylgruppen, was zu einer geringeren Oberflächenspannung führt und sie besonders geeignet für den Einsatz als Emulgatoren und Dispergierhilfsmittel macht.

Bewertungskriterien:

Wasserlösungs­temperatur und ‑geschwindigkeit, Sauerstoffdurchlässigkeitsrate (OTR), Wasserbeständigkeit (bei Wasserkontakt), Emulsionsstabilität

Zusammenfassung

Der Hydrolysegrad (DH), ausgedrückt als mol % der Hydroxylgruppen, spielt eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung der Wasserlöslichkeit, der Wasserbeständigkeit und der Gasbarriereeigenschaften von PVOH. Durch die gezielte Optimierung der Kombination aus DH und DP lässt sich ein breites Spektrum an Materialdesigns realisieren, um unterschiedlichste Anwendungsanforderungen zu erfüllen.

Tabelle 1Zusammenhang zwischen physikalischen Eigenschaften und Polymerisationsgrad / Hydrolysegrad

Lesen der Tabelle:

↑ = nimmt zu / wird stärker
↓ = nimmt ab / wird schwächer
Doppelpfeile (↑↑ / ↓↓) kennzeichnen einen stärkeren Einfluss.

 

DH

DP

Low

High

Low

High

Strongly influenced by the DP

Aqueous solution viscosity

↓↓

↑↑

Film properties

↓↓

↑↑

Strongly influenced by the DH

Solubility, Dissolution rate

↑↑

↓↓

Water resistance

↓↓

↑↑

Viscosity stability

↑↑

↓↓

Thermoplastic moldability

↑↑

↓↓

Surface activity

↑↑

↓↓

Dispersibility with other materials

↑↑

↓↓

Compatibility with starch

↑↑

↓↓

4. Hochwasserlöslicher und modifizierter PVOH

Konventioneller PVOH erfordert zur vollständigen Auflösung in der Regel eine Erwärmung auf etwa 95 °C. In den letzten Jahren ist jedoch die Nachfrage nach PVOH‑Typen gestiegen, die sich bereits in Wasser niedrigerer Temperatur lösen lassen. Treiber hierfür sind zum einen die Vereinfachung von Formulierungsprozessen und zum anderen die Reduzierung von Umweltbelastungen durch eine verbesserte Energieeffizienz. Eine gute Löslichkeit bei niedrigen Temperaturen ist zudem für die Beschichtung wärmeempfindlicher Substrate sowie für Anwendungen, die eine schnelle Auflösung erfordern, wie etwa Verpackungsfolien oder Bindemittel, wichtig.

Für solche Anwendungen werden häufig partiell hydrolysierte und modifizierte PVOH‑Typen eingesetzt.

Hochwasserlösliche Typen von Kuraray

Kuraray bietet eine Reihe hochwasserlöslicher PVOH‑Typen an, die auf unterschiedliche Anwendungsanforderungen zugeschnitten sind:

  •  KURARAY POVAL™ 5-74
    Ein partiell hydrolysierter Typ mit niedrigem Polymerisationsgrad und einem bestimmten Maß an Löslichkeit in Wasser bei Raumtemperatur, geeignet für niedrigviskose Anwendungen.
  • KURARAY POVAL™ 25-88 KL
    Ein modifizierter Typ, der hohe Wasserlöslichkeit mit moderater Filmfestigkeit kombiniert und dadurch eine breite Einsatzflexibilität bietet.

Wichtige Gesichtspunkte bei der Verwendung hochwasserlöslicher Typen

Obwohl hochwasserlösliche PVOH‑Typen eine verbesserte Löslichkeit bieten, ist ihre Wasserbeständigkeit nach dem Trocknen in der Regel geringer als bei Standardtypen. Wenn sowohl hohe Wasserlöslichkeit als auch Wasserbeständigkeit gefordert sind, können Formulierungen mit Vernetzungsmitteln eine wirksame Lösung darstellen. Kuraray bietet zudem anwendungsspezifische Formulierungsunterstützung, abgestimmt auf den jeweiligen Einsatzbereich.

Für Unterstützung bei der Typenauswahl oder der Formulierungsentwicklung wenden Sie sich bitte über das Anfrageformular auf dieser Website an das technische Team von Kuraray.

Bewertungskriterien:

Hohe Wasserlöslichkeit (Lösetemperatur und Lösedauer), Wasserbeständigkeit des getrockneten Films, Verträglichkeit mit Vernetzungsmitteln

Zusammenfassung

Hochwasserlösliche PVOH‑Typen tragen wesentlich zur Vereinfachung von Verarbeitungsprozessen bei. Dabei ist jedoch das Gleichgewicht zwischen Wasserlöslichkeit und Wasserbeständigkeit zu berücksichtigen. Durch die Kombination dieser Typen mit geeigneten Vernetzungssystemen lassen sich sowohl gute Löslichkeit als auch ausreichende Dauerhaftigkeit erzielen.

Kontakt zu KURARAY POVAL™

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